colorado post - neues von francaSeit vier Monaten lebe ich nun schon in den Vereinigten Staaten und in dieser Zeit habe ich es tatsächlich geschafft, mich mit allerlei amerikanischen Merkwürdigkeiten anzufreunden: Ich denke da nur an das immer schlabbrige Toastbrot,  die Tag und Nacht vor sich hin brummenden Klimaanlagen oder die ungebremste Leidenschaft der Amerikaner, ihre Getränke grundsätzlich mit einem Becher Eis auf eine Temperatur nur knapp über dem Gefrierpunkt herunterzukühlen.
Aber ist dies nicht auch genau einer der Gründe, warum es so spannend ist, eine längere Zeit im Ausland zu leben? Die Kultur des Gastlandes und die Gewohnheiten seiner Menschen kennenzulernen, so dass aus Vorurteilen und skeptischen Blicken ein Begreifen und Verstehen wird?

Dennoch, ich gerate immer wieder in Situationen, in denen ich nur noch staunend oder besser verständnislos den Kopf schütteln kann.  Und ich zwangsläufig erkennen muss, dass manche Vorurteile keine sind, sondern sich als die nackte Wahrheit entpuppen.

Nehmen wir zum Beispiel dieses hier: Amerikaner sind bequeme Menschen. Sie erfinden immer wieder neue Dinge, um sich das Leben so angenehm wie möglich zu machen und sich bloß nicht zu überanstrengen.

Die oberste Regel dabei lautet: Warum sich selbst bewegen, wenn vor der Tür ein Auto steht? Eines Nachmittags zum Beispiel hatte ich mich gerade mit Windjacke, Handschuhen und Musikplayer gegen die etwas ungemütlichen Außenbedingungen gewappnet, um 10 Minuten Fußweg zur Drogeriekette Walgreens zurückzulegen. Ich war schon fast zur Tür hinaus, als mich meine Mitbewohnerin entsetzt anguckt und sagt: „Was, du willst zu Fuß gehen??? Soll ich dich nicht lieber mit dem Auto fahren?“
Der bekannteste Beweis für die Bequemlichkeit der Amerikaner ist wahrscheinlich der in Mitte der 70er Jahre erfundene Drive-Through von McDonalds. Wobei ich zur Verteidigung meiner Gastgeber zugeben muss, dass dieses Phänomen seit vielen Jahren auch von uns Deutschen liebend gern in Anspruch genommen wird. Aber das war es dann auch, im Gegensatz zu den USA, die sich eifrig daran gemacht haben, jene bahnbrechende Idee weiterzuentwickeln: Heutzutage gibt es nicht nur Autoschalter an Schnellrestaurants, sondern an fast jeder Bank und jeder Apotheke kann der Kunde bequem seine Geschäfte aus dem Auto heraus erledigen.

Diese Liste ließe sich endlos weiterführen, ein weiteres Beispiel dieser Kategorie von Bequemlichkeit – oder wie der Amerikaner sagen würde: praktischer Alltagserleichterung -  will ich noch kurz erzählen, das deutsche Postboten vielleicht auf den Geschmack bringt, sich ernsthaft nach einem Job in den USA umzugucken: Seit längerer Zeit habe ich mich gefragt, warum die Postautos hier das Lenkrad auf der rechten Seite haben. Dieses Rätsel konnte ich erst lösen, als ich kürzlich einen Postboten auf frischer Tat ertappte, wie er lässig im Schritttempo die Straße entlangfuhr und ab und zu den Arm aus dem Fenster streckte, um die Post in die am Straßenrand stehenden Briefkästen zu verteilen.

Manchmal allerdings lässt es sich nicht vermeiden und selbst ein Amerikaner muss von Zeit zu Zeit sein Auto verlassen. Um sich in diesem unglücklichen Fall dennoch einen gewissen Grad an Bequemlichkeit zu erhalten, lässt er einfach den Motor laufen, ganz egal ob er sich nur für eine Minute oder eine Viertelstunde außerhalb seines Fahrzeugs aufhält.
Neben der besonderen Beziehung zwischen einem Amerikaner und seinem Auto hat mich eine weitere Eigenheit dieses Landes unglaublich beeindruckt: das Phänomen Supermarkt. Geht man hier in einen dieser überdimensionalen Lebensmittelläden, wird einem schnell klar, dass auch das Kochen definitiv nicht zu den wichtigen Dingen im Leben eines Amerikaners gehört. So wollte ich meinen Augen nicht trauen, als ich das erste Mal abgepackte Rohkostplatten samt Dipp, fein gewürfelte Zwiebeln in Plastikbehältern und geschnitzte Äpfel im Kühlregal entdeckte, die nach nichts schmeckten und von denen ich lieber nicht wissen will, auf welche Weise sie für eine erschreckend lange Zeit haltbar gemacht wurden.

Noch unglaublicher ist allerdings die Tatsache, dass man hier alle Arten von Lebensmitteln in allen nur erdenklichen Geschmacksrichtungen finden kann. Besonders kreativ sind die Hersteller beispielsweise bei Salatsaucen. Da gibt es alles von klassisch italienisch über Honig-Senf bis hin zu Himbeer-Balsamico, dazwischen noch ungefähr 50 andere Sorten, jede einzelne natürlich auch noch in der Light-Version. Und jetzt mal ganz ehrlich: Wer denkt bei einer solchen Auswahl denn noch ans Selbermachen? Und so merke ich, wie ich langsam Gefallen an all den praktischen Dingen finde, die den Alltag so viel einfacher und es möglich machen, sich nur auf das wirklich Wichtige im Leben zu konzentrieren.
Das nächste Mal, wenn ich wieder ein paar Einkäufe bei Walgreens zu erledigen habe, frage ich am besten gleich meine Mitbewohnerin, ob sie mich fahren kann. Gerade jetzt im langen Colorado-Winter ist es wirklich zu kalt, um zu Fuß zu gehen oder sich aufs Fahrrad zu schwingen. Das kann man verstehen, oder?  Schon jetzt überkommt mich eine heimlich Vorfreude, wenn ich daran denke, wie sich der Sicherheitsgurt in unserem uralten Mazda ganz automatisch schließen wird und ich mich entspannt zurücklehnen kann!