klaus der geiger | foto: wassily nemitzNach mehrmaligem Klingeln endlich das Schnarren des Türöffners. Vorbei an Informationsbrettern mit Anschlägen über Proteste oder Situationen in fernen Ländern geht es hinauf. Eine Tür zum Treppenhaus steht auf - hier muss es sein. Eine bebrillte Frau erscheint aus einer Zimmertür. Aha - zu Klaus dem Geiger. Sie öffnet eine andere Tür, hinter der schon die ganze Zeit das Spiel einer Geige zu hören ist. Sie ruft „Hallo? Hallo!“ Das Geigenspiel endet.

Ein bärtiger Mann mit Brille kommt heraus und sagt: „Ja richtig - Hallo! Grüßt euch!“: Klaus der Geiger. „Bei uns hier im Haus, da ist eigentlich die ursprüngliche Kommune aus der Hippie-Zeit geblieben.“, wird er später sagen. „Und deswegen kommen hier auch die ganzen Hochbetten rein.“ Jetzt sitzen wir unter einem dieser Hochbetten - und Klaus der Geiger erzählt.

MeinBlock-Magazin: Angenommen, jemand, der noch nie von Ihnen gehört hat, fragt was Sie überhaupt machen - Was würden Sie dann sagen?

Klaus der Geiger: Ich lebe als lebendiger Mensch und sehe zu, dass ich das Leben so gut wie möglich bewerkstellige. Das würde ich dem zum Beispiel mal sagen - oder er muss präziser fragen.

MB: Sie machen ja Musik, als Geiger, aber in welcher Form geschieht das? Es gibt Musiker, die gehen jeden Tag in die Philharmonie - das ist bei Ihnen ja wohl eher nicht der Fall…

KdG: Nein, ich bin nämlich ein Solist als professioneller Musiker. In dem Zusammenhang bedeutet das, dass ich meinen Lebensunterhalt mit Musik finanziere. Das heißt, ich muss immer zusehen, dass ich irgendwelche Gigs und irgendwelche Jobs kriege, die mir so viel Geld verschaffen, dass ich davon leben kann. Ich habe ganz normal Musik studiert und war genauso wie du das beschreibst im Sinfonieorchester drin in der Philharmonie, da saß ich da, mit meinem Frack und meinen schwarzen Lackschuhen und hab da im Kreise von 80 bis 90 Kolleginnen und Kollegen gefiedelt - das hab ich Jahrzehnte lang gemacht. Außerdem bin ich Komponist gewesen, das heißt, ich habe Musik geschrieben und habe eben auch geübt, wie ich das gerade eben ja auch getan habe, damit ich halt fit war. Wenn du gut sein willst, musst du halt trainieren. Dann habe ich versucht, alleine, also als Solist zu spielen, Klassik, das hat aber nicht geklappt, da ich dafür doch nicht gut genug war. Daher bin ich dann Komponist geworden und nach Ami-Land gegangen, also in die Vereinigten Staaten, gegangen- fünf Jahre lang und hab da gearbeitet…

MB: Wo in Amerika waren Sie genau?

KdG: …in New York, Buffalo und San Diego. Dort war ich also ziemlich lange und wie ich wieder zurückkam, war die „Revolution“ so´n bisschen ausgebrochen, in Ami-Land auch, sogar hauptsächlich dort, viel mehr wie hier, aber damals gabs dann schon Peoples Park… Vietnam-Krieg. Während des Vietnam-Kriegs, wo hier in Deutschland ja auch jede Menge los war - und ja, der Dutschke war hier…diese Zeit war das. Und, wo ich dann wieder zurückkam, da war die Hippie-Zeit - da war ich Hippie. Wir haben eine Wohngemeinschaft gemacht, hier, nebenan in der Mainzer Straße 29. Später dann in dieser Wohnung hier - und deswegen kommen die ganzen Hochbetten hier rein. (Zeigt auf die im Zimmer stehenden Hochbetten) Dies hier ist meins. Naja, und dann ging das so ne Weile - und ich hatte auch kein Geld. Ich bin dann also Aussteiger geworden, wie man so schön sagt. Aussteiger heißt also, ich habe mit dem normalen, bürgerlichen Leben nichts mehr am Hut. Ich bekämpf das eher als dass ich das unterstütze. So bin ich dann eben Straßenmusiker geworden - Klaus der Geiger - wie ihr mich alle kennt. Ich habe dann meine Lieder gemacht, das waren alles politische Lieder, Protestlieder, ein paar Liebesleider waren dabei… Das waren aber keine Schlager für die Musikindustrie. Das ging weder von meiner Persönlichkeit noch von meinem Anliegen her. Ich wende mich nämlich grundsätzlich gegen die Musikindustrie - deswegen bin ich zwar ein berühmter Mensch hier, aber du kannst mich in keinem Geschäft kaufen.

MB: Welche Rolle hat dabei die Kölner Südstadt gespielt - war hier die Hippie-Szene besonders ausgeprägt?

KdG: Wie kamen wir denn eigentlich auf die Südstadt? (überlegt) Wir haben da unsere erste Kommune gehabt - das war hier in der Bottmühle. Und da haben wir gewohnt, sind dann umgezogen nach hier nebenan, Mainzer Straße 29, zwischendurch war ich aber woanders, im Knast, also im Gefängnis, saß ich auch ne Weile - als ich dann dort wieder raus kam, war ich auf dem Land, in Kerpen. Irgendwann sind wir dann wieder in die Südstadt gezogen - seitdem bin ich hier.

MB: Wohnen Sie seit der Geburt hier in der Südstadt oder kommen Sie ursprünglich von woanders her?

KdG: Als ich Kind war, da habe ich auch schon in der Südstadt gewohnt, mit dreizehn habe ich hier in Bayenthal gelebt. Also noch ein Stückchen weiter südlich - direkt am Oberländer Ufer. Damals war das hier noch eine hochfeudale Gegend und ich hatte eine Pflegemutter. Geboren bin ich in Dippoldiswalde, im Erzgebirge.
klaus der geiger | foto: wassily nemitz
MB: Wohnen Sie denn gerne in der Kölner Südstadt - ist dies ein attraktiver Wohnort? Warum?

KdG: Ja! Der ist natürlich attraktiv - hier gibt es schon schöne Häuser und so weiter, die Infrastruktur ist gut- aber es gibt auch andere Orte in Köln, die ich toll finde. Wenn ich jetzt irgendwo hin ziehen würde, dann würde ich nicht unbedingt in die Südstadt ziehen, sondern eher nach Ehrenfeld.

KSZ: Was ist dort so anders?

KdG: Es ist interessanter, weil in der Südstadt ist diese Art von „Interessantheit“ vorbei, die wir mal vor dreißig Jahren hatten. Da war wirklich der Bär los hier, da tobte alles in den Kneipen - also es war alles anders. Das Publikum hat sich verändert. Damals war hier das arme Volk. Und jetzt ist der Mittelstand eingezogen.

MB: Wie sieht es mit diesem Haus hier aus? Es hat ja wohl nicht die Geschichte erlebt, dass es aufgekauft, renoviert und teuer weitervermietet wurde, wie Sie es bei anderen Häusern erlebt haben…

KdG: Die Bewohner von diesem Haus hier – und auch von dem Nachbarhaus, Nr.29 - haben sich gewehrt gegen den Ausverkauf, das heißt, wir sind auf die Straße gegangen mit der ganzen Gesellschaft hier, mit 40 bis 50 Leuten, und sind auf dem Rudolfplatz rumgelaufen mit Kinderwagen und allem drum und dran und haben damit eben dafür demonstriert, dass wir hier wohnen, hier wohnen bleiben wollen und dass wir es uns nicht gefallen lassen, zwangsgeräumt zu werden.

MB: Und das ist dann auch nicht passiert?

KdG: Naja, zum Teil ist es wohl passiert, nebenan ist es passiert, da haben sich dann Leute eben nicht so knallhart gewehrt - die sind dann zum Teil zwangsgeräumt worden. Bei uns ist es aber nicht passiert. Wir mussten aber auch im Endeffekt die Sache irgendwie kaufen, das heißt, wir mussten jemanden finden, der das Haus für uns kauft. Nebenan sind die meisten weggezogen, ein paar haben es auch gekauft. Bei uns hier im Haus, da ist eigentlich die ursprüngliche Kommune geblieben. Wir wohnen nur nicht mehr in einer Wohnung, sondern über das Haus verteilt. Aber wir sind dadurch natürlich auch auseinandergeflogen, denn die Leute mussten ja auch Geld verdienen, um die Wohnungen zu kaufen. Jetzt sind sie alle irgendwie normaler. Jetzt sind sie alle Geld verdienen. Aber nicht so, wie andere Leute. Nicht so intensiv.

MB: Ist es schade, dass es Hausbesetzungen und ähnliche Dinge, die Sie beschreiben, nicht mehr gibt, oder ist das ein Stück weit auch einfach normal?

KdG: Natürlich ist das schade, aber das waren Sachen, die die Leute doch irgendwo nicht richtig ertragen. Denen ist das alles zu riskant - man muss sich dafür engagieren, man muss raus aus der Anonymität - das macht der Mensch nicht so gerne. Man muss sich politisch betätigen - das macht er erst Recht nicht so gerne. Wenn das dann tatsächlich stattfindet, dann gibt es eine ganz interessante Zeit. Immer.

MB: Wie sind Sie persönlich in diese Szene hereingekommen? Gab es für Sie ein Schlüsselerlebnis?

klaus der geiger | foto: wassily nemitzKdG: Als ich in der bürgerlichen Welt war, da hat mich das alles überhaupt nicht gejuckt und interessiert - ganz im Gegenteil: Damals habe ich mich überhaupt nicht gekümmert um irgendwelche Demonstrationen oder andere Sachen. Ich weiß noch, als ich zur Schule gegangen bin, da habe ich mich noch überhaupt nicht interessiert, und später, als ich hier in Köln studiert habe an der Musikhochschule studiert habe, bin ich einmal (!) mitgegangen. Es ging um die Preiserhöhung bei der KVB. Später allerdings in Ami-Land. Da ging es dann richtig los. Da habe ich schon mitgemacht.

MB: Wo arbeiten Sie denn hauptsächlich und verdienen dabei Ihr Geld?

KdG: Ich verdiene am meisten Geld mit Konzerten in Kulturzentren, in ganz Deutschland. Am Wochenende bin ich immer weg, da bin ich gar nicht in Köln. Das Kunstsalon-Orchester kriege ich bezahlt, oder eben wenn ich mal mit dem Niedecken oder den Höhnern einen Auftritt habe. Oder eben, wenn ich etwas im Radio oder im Fernsehen habe. Straßenmusik mache ich so gut wie gar nicht mehr - die habe ich vor vier Jahren drangegeben. Aber! Ich fange jetzt wieder an, und zwar nur ein Mal in der Woche, montags, von ungefähr halb drei bis halb fünf.