Wir sagen:
Herzschaufel. Hungerengel. Eigenbrot. Lagerglück. Atemschaukel. All das sind Wörter aus Herta Müllers mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnetem Roman.
Wörter, die es so eigentlich nicht gibt, seltsam zusammengesetzt aus Wortbausteinen, die scheinbar nicht zusammenpassen. Herz und Schaufel. Hunger und Engel. Atem und Schaukel. Was sollen das für Wörter sein, was bedeuten sie?
Herta Müller selbst sagt auf ihrer Lesung im Literaturhaus, es seien „Pastior-Wörter“.
Wörter, die der Lyriker Oskar Pastior, mit dem sie bis zu seinem Tod gemeinsam an dem Roman gearbeitet hat, erfand, während er nach seiner Deportation als Siebzehnjährigerer für fünf Jahre als Zwangsarbeiter in einem russischen Arbeitslager lebte.
Damals halfen ihm diese Wörter, das, was im Lager um ihn herum geschah zu verstehen, zu ordnen und auch von sich fernzuhalten.
Heute, in Herta Müllers Buch, erzählen uns diese Wörter seine Geschichte - stellvertretend für die Geschichten der vielen tausend Gefangenen während und nach dem zweiten Weltkrieg.
Herzschaufel zum Beispiel erzählt von der harten Arbeit mit der allerletzten Kraft. Ersatzbruder vom Schmerz des Protagonisten Leo, als er erfährt, dass selbst seine Familie zu Hause nicht mehr an seine Rückkehr zu glauben scheint. Hungerengel erzählt vom ständig präsenten Hunger, der Gratwanderung zwischen Leben und Tod. Lagerglück von winzigen Freuden in den tristen Lagerjahren - und „die Atemschaukel überschlägt sich“, bringt Leo auch noch Jahre später zum „Hecheln“ wenn er sich an seine Zeit im Lager erinnert.
Es ist faszinierend, wie man nach einigen Seiten beginnt, diese Wörter zu verstehen, wie eine Sprache, die man lernen kann. Die Kombinationen der verschiedenen Wortbausteine wie Atem und Schaukel ergeben auf einmal keine Widersprüche mehr, sondern logische Zusammenhänge, die uns als Leser mit der Zeit so selbstverständlich erscheinen, dass wir uns fragen, wer ein solches Wort nicht verstehen würde: Atemschaukel.
Herta Müller scheint es geschafft zu haben, uns die Pastior-Sprache beizubringen, eine Sprache, die es eigentlich gar nicht gibt – und Wörter, die auf den ersten Blick unmöglich scheinen, heißen auf einmal doch etwas. War dieses Ausreizen der Grenzen von Sprache wohl ein Grund, der Autorin den Nobelpreis zu verleihen?
Am Ende ist trotzdem eines klar: Auch wenn wir Leser Dank Herta Müller die Pastior-Sprache beherrschen, das Wort Atemschaukel verstehen, können wir immer noch nicht begreifen, was dieses und die anderen Wörter für Oskar Pastior und all die anderen Gefangenen des zweiten Weltkrieges nun wirklich bedeuten.
Die anderen Sprachen sagen:
Ademschommel (Niederländisch)
Andningsgunna (Schwedisch)
Breathswing (Englisch)
Die schwedische und die englische Übersetzung stammen von Prof. Anders Olsson in seiner Rede bei der Nobelpreisverleihung.
Das Lexikon sagt:
Atemschaukel ist ein 2009 erschienener Roman von Herta Müller, die im selben Jahr mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Darin berichtet Leopold Auberg, ein Siebzehnjähriger aus Siebenbürgen, über seine Deportation in das Arbeitslager Nowo-Gorlowka in der Sowjet-Ukraine. Die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin wird in einer individuellen Geschichte sichtbar gemacht.
Die Autorin hat den Stoff in Gesprächen mit dem Lyriker Oskar Pastior und anderen Überlebenden gesammelt. 2004 reisten Ernest Wichner, Oskar Pastior und Herta Müller mit Unterstützung der Robert-Bosch-Stiftung an Orte ehemaliger Zwangsarbeiterlager in der Ukraine. Der im Hanser Verlag publizierte Roman kam in die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2009.
(Quelle: Wikipedia)
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ich liebe die wortkreationen in diesem buch - jedes mal sitze ich da, klappe es auf, klappe es zu, wenn ein solches wort kommt, das mehr macht hat als buchstaben, und denke “wow” und muss es erst einmal verarbeiten … und dann wird weitergelesen, bis zum nächsten “wow”
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