mit bus und bahn quer durch | foto: torass - yellow underground, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de, quelle: www.piqs.de“Das ist ja sehr interessant. Wie heißt ihr religiöses Buch nochmal?” fragt die junge Frau den ihr gegenüber sitzenden Mann. Die Antwort aus einer interessanten Mischung aus Deutsch und Englisch kann ich aufgrund des Buslärms nicht richtig verstehen, aber mir wird schnell klar, das sich die beiden Personen über ihre Religionen austauschen.


Die junge Frau mit Kopftuch ist vermutlich türkischer Abstammung und spricht sehr gutes Deutsch, während ihr Gesprächspartner sichtlich Mühe hat und sein Deutsch häufig durch indisch angehauchtes Englisch komplementiert. Ich höre noch eine Weile zu und freue mich still in mich hinein. Das ist interkultureller Austausch, da wo man es am wenigsten erwartet. So schlimm, wie häufig in Zeitungen zu lesen, scheint es doch nicht um die Integration zu stehen.

Zufrieden verlasse ich den Bus, um mit der Straßenbahn weiter zu fahren. Noch in Hochstimmung nehme ich in der Bahn Platz, nicht darauf vorbereitet, dass meine Laune innerhalb der nächsten zehn Minuten ebenso schnell wieder zerstört wird.

Eine dunkelhäutige Frau steigt ein und setzt sich auf einen Platz in meiner Nähe, genau dahin, wo gerade ein älterer Herr sein klappriges Fahrrad hinstellen wollte. Auf den Protest des Fahrradfahrers antwortet sie gereizt, dies sei ein Platz für Kinderwagen und nicht für Fahrräder. Wütend macht er seinem Ärger Luft, indem er sich an die am nächsten sitzende Person wendet – an mich.

In seiner Schimpftirade geht es um die “verdammten Einwanderer” ohne Bildung, die “wie Affen” seien. Geschockt widerspreche ich zaghaft, jeder Mensch habe gleiche Rechte und die Meinung der Dame habe doch nichts mit ihrer Herkunft zu tun. Sofort wird vehement nach gelegt, er spricht von mangelnder Intelligenz, keiner Bildung und dem Verlust von Arbeitsplätzen.

mit bus und bahn quer durch | foto: torass - yellow underground, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de, quelle: www.piqs.de

Während der ganzen Zeit spricht er die Afrikanerin, die etwa einen halben Meter entfernt sitzt, in keinster Weise an. Auch ihre wütende Forderung, sich wenigstens mit ihr persönlich zu unterhalten ignoriert er. Während er sich mit meiner Meinung über Gleichheit und Menschenrechten auseinandersetzt, bleibt auch die Betroffene nicht stumm. Fahrräder würden nicht in Bahnen gehören, sagt sie, wir seien doch nicht in der Türkei!

Ich unterbreche mein Gespräch völlig überrumpelt. “Die Türken sind doch an allem Schuld”, führt sie weiter aus. Ich schlage die Hände über dem Kopf zusammen. Sind denn hier ALLE rassistisch?