das erste mal - tokio hotel - clipMeine kleine Schwester ist 26 Jahre alt und war am letzten Freitag zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Tokio Hotel-Konzert. Vermutlich war dieses erste Mal direkt auch das letzte Mal. Nein, sie ist kein Fan und steht nicht auf kleine Jungs in androgynen Kostümen. 

Anne war nie Fan einer Boygroup – weder vor 15 Jahren noch heute – ob Robbie Williams Take That verließ oder der Caught in the Act-Sänger sein Coming-Out hatte – das alles ließ sie ziemlich kalt. Warum sie dann bei Tokio Hotel in Oberhausen war? Ein ebay-besessener Freund von ihr hatte vier Innenraum-Karten für einen Euro geschossen, wie das im Fachjargon heißt. Also auf nach Oberhausen zur neuen „Humanoid“-Tour der Band.

Während einige Fans seit Tagen im Schlamm vor der Halle campierten, um die besten Plätze in der ersten Reihe zu bekommen, reisten Anne, René und Sabrina ganz bequem kurz vor acht mit dem Auto an. Der aufmerksame Leser bemerkt, das vier Karten gekauft wurden, aber nur drei Leute zum Konzert fuhren: die vierte Karte bekamen sie vor der Halle NICHT mehr verkauft – die Schwarzmarkthändler lagen sich weinend in den Armen.

Jetzt hat Anne ein Trauma, rätselt, ob es ihr lieber wäre, dass ihre Kinder und Patenkinder, Nichten oder Neffen Bushido-, Sido- oder Lady-Gaga-Fans werden …

Vor der Halle lag ein riesiger Berg Müll, den die echten Fans zurückgelassen hatten: Schlafsäcke, Thermodecken und Rucksäcke, außerdem Reste von Tiefkühl-Sushi und ein einsamer Chuck Taylor. Wer hat, der hat – die Jugend von heute campiert mit Stil …

das erste mal - tokio hotel

Es müssen traumatische 70 Minuten Konzert gewesen sein, die in Echtzeit 180 Minuten gedauert haben. Eigentlich sollte das Konzert um 19 Uhr beginnen. Wahrscheinlich, damit alle minderjährigen Fans auch pünktlich um 22 Uhr wieder zu Hause sind… Die Band ließ sich dann Zeit und kam schon um 21.15 Uhr auf die Bühne. So war ja auch mehr Zeit Mama und Papa das neue Tokio-Hotel-T-Shirt aus den Rippen zu leiern.

Vielleicht musste sich Bill auch erst in sein Engelskostüm quetschen, in dem er dann unter dem Gekreische von 13.000 Fans (darunter auch weibliche erwachsene Begleitpersonen mit einem Schild „Auch wir Mütter lieben euch“ – wie schockierend ist das?) aus einer Art Ufo stieg. Oder hatte das Schminken länger gedauert? Anne kennt keine Freundin, die so viel Schminke um die Augen trägt …

Anne, René und Sabrina fanden sich ganz hinten im Innenraum, zwischen Müttern, Vätern und anderen erwachsenen Begleitpersonen, sowie einer Minni Mouse auf Crack (fragt mich nicht?), wieder.

Die Lehren dieses Abends zusammengefasst: Bei Tokio Hotel wird am Ende eines Songs nicht geklatscht, es wird eigentlich nur gekreischt und geschrieen. Das komplette Konzert wird per Handy mitgeschnitten und mitgefilmt, um später in hervorragender Qualität im Internet hochgeladen zu werden. Bill wechselt im Laufe des Abend zig Mal sein Kostüm, sein Bruder Tom die Gitarre – die beiden anderen Protagonisten der Band haben KEIN Recht auf Selbstdarstellung! Bill Kaulitz scheint außerdem seine Coreo bei Florian Silbereisen abgeschaut zu haben …

Was sagt das Lexikon? Humanoid bedeutet laut Wikipedia: Als humanoid (von lat.: homo, „Mensch“ und gr.: εἶδος, [ˈidɔs], „Gestalt“) werden alle Lebensformen und Maschinen klassifiziert, die ein menschenähnliches Erscheinungsbild aufweisen. Das macht Sinn - auch hier geht es nur um Bill Kaulitz.

Die Bühnenshow liegt irgendwo in der Grauzone zwischen Rammstein, Starlight Express und den Backstreet Boys und ist total auf Bill fokussiert, für den Fans auch aus Frankreich, Portugal und Italien angereist sind.

Die Fragen nach diesem Abend: Ist dieses Konzert Sinnbild für eine Generation? Warum sind die Fans hysterisch, statt sich über noch nicht mal anderthalb Stunden Konzert zu ärgern, für die sie nicht nur einen sondern knapp 40 Euro bezahlt haben? Haben die vor lauter Kreischen gar nicht gemerkt, wie schlecht die Akustik in der Halle war?

Meine Schwester hat nach diesem Ausflug in eine andere Welt überlegt, welche Konzerte sie für einen Euro noch besuchen würde – die Schmerzgrenze ist jedenfalls hoch gesteckt.