Um zehn Minuten nach acht erreiche ich die Foodbank - die Anlaufstelle für diejenigen hier, die sich keine Lebensmittel aus dem Supermarkt leisten können. Ein bisschen zu spät, aber eins habe ich hier inzwischen gelernt: Die Uhren im Valley ticken langsamer als in der Großstadt. Ich strecke mein Gesicht noch einen Moment länger der Sonne entgegen, die wie fast jeden Tag von einem wolkenlosen Himmel strahlt und so selbst bei Minusgraden erste Frühlingsgefühle in mir weckt.
Schließlich öffne ich die Hintertür und betrete den im schummrigen Dämmerlicht liegenden Lagerraum. Vorne höre ich schon Joe, wie er Brot in die Regale räumt, das er gerade von einem der Supermärkte abgeholt hat.
Ich gehe ihm entgegen und wie jeden Morgen begrüßen wir uns auf Französisch: „Bonjour! Comment tu vas?“
Dann geht es auf Englisch weiter. Joe fragt mich, ob ich gleich mit ihm nach San Luis fahren möchte, die dortige Foodbank braucht dringend Lebensmittel. Da bin ich natürlich sofort dabei. Es macht immer Spaß, neben der alltäglichen Arbeit ab und zu ein paar besondere Aufträge zu erledigen, die einen nicht selten in noch entlegenere Ecken des Valleys führen.
Heute geht es also nach San Luis, einem kleinen Städtchen ungefähr 40 Meilen von Alamosa entfernt. Bevor wir fahren, müssen wir den grünen Pick-up Truck mit Lebensmitteln beladen, was für uns dank vieler Übung und vereinter Muskelkraft kein Problem ist. Eine halbe Stunde später sitzt Joe hinterm Steuer, ich auf dem Beifahrersitz und schon geht es auf dem State Highway 160 Richtung San Luis.
Auf halber Strecke hat Joe eine Überraschung für mich. Mit einem breiten Grinsen fragt er mich: „Sag mal, du hast doch jetzt endlich deine Autoversicherung bekommen, oder?“ Nun fange auch ich an zu grinsen und Vorfreude breitet sich in mir aus, ahne ich doch, worauf diese Frage hinauslaufen wird: Heute werde ich meinem ganz persönlichen Bilderbuchleben im Wilden Westen ein weiteres Kapitel hinzufügen. Habe ich nicht schon immer davon geträumt, eines Tages mit einem staubedeckten Truck auf schnurgeraden Straßen durch endlose Wüstenlandschaften zu fahren?
„Dann ist wohl alles klar“, lacht Joe. Und macht sofort meiner Träumerei von einer in einsamer Wildnis reisenden Truckerin ein schnelles Ende: „Fahr bloß nicht schneller als erlaubt! Die Cops passen auf wie die Luchse und lassen sich keinen Raser durch die Lappen gehen!“ (Deutsche Autofahrer auf deutschen Autobahnen haben wohl tatsächlich einen gewissen Ruf in der Welt … !)
In San Luis angekommen, heißt es jedoch erst einmal wieder arbeiten. Kaum rollen wir auf den schneebedeckten Parkplatz des Gemeindezentrums, werden wir schon von einer großen Frau mit langem Pferdeschwanz und braungebranntem Gesicht begrüßt. Sie heißt Conny, leitet die Foodbank in der kleinen 800-Einwohner-Stadt und freut sich, als sie unseren vollbeladenen Truck sieht.
Kurze Zeit später sind alle Kisten und Kartons in einem kleinen Nebenzimmer der Foodbank verstaut und eigentlich könnten wir uns jetzt wieder auf den Rückweg machen. Aber Joe und ich nutzen die Gelegenheit, uns ein bisschen in San Luis umzuschauen.
San Luis, 1851 offiziell von hispanischen Siedlern gegründet, ist die älteste Stadt im Bundesstaat Colorado. Einige alte Häuser und Saloons im Westernstil stehen heute noch, besonders angetan hat es mir der uralte „General Store“. Dieser Lebensmittelladen erinnert mich ein bisschen an einen Tante Emma Laden mit seiner Holzveranda, der Countrymusik, schmalen Regalen, einer kleinen Gemüseecke, einem Lagerraum für Kartoffeln und einer einzigen Kasse. Was für eine Erholung für all meine Sinne, die beim Einkaufen in den riesigen Supermärkten in Alamosa regelmäßig unter völliger Reizüberflutung leiden.
Um kurz nach zehn ist es dann endlich so weit: Ich halte die Schlüssel zum wichtigsten Schatz der Foodbank in den Händen, rücke Spiegel und Sitz zurecht - und auf geht’s! Der Motor dröhnt, braucht einen kleinen Moment, um in die Gänge zu kommen, Joe erinnert mich noch einmal an wachsame Blaulicht-Fahrer und dann befinde ich mich schon mittendrin in meinem schönsten Western-Traum, der heute wunderbare Realität wird.
Ich drücke aufs Gaspedal und kaum haben wir San Luis verlassen, verschlägt mir die Aussicht auf die schneebedeckten Berge fast den Atem. Direkt vor uns – so erscheint es mir zumindest – ragt majestätisch der über 4300 m hohe Mount Blanca in den Himmel, glitzernd und strahlend im Licht der Sonne. Während die Landschaft an uns vorbeirauscht, die Bee Gees im Radio vor sich hin dudeln und ich das Truckfahren in vollen Zügen genieße, wird mir wieder einmal bewusst, auf welch schönem Plätzchen auf der Welt ich mich niedergelassen habe.
