Wir sagen:

Nein, dieses Wort der Woche heißt nicht “Lena”. Oder “Lena Meyer-Landrut”. Oder “Eurovision Song Contest”. Und auch nicht “Oslo”. Das nämlich liegt im Norden Europas. Bei der Ostalgie geht es aber um - man ahnt es schon - den Osten. Os-tal-gie – was bitte ist das?

wort der woche - ostalgie | foto ausschnitt: robert_slainte - “Grenzland 5″, CC-Lizenz (BY 2.0) http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de, quelle: www.piqs.deEigentlich müsste es Ost-Nostalgie heißen. Aber weil sich dieses tolle Wortspiel förmlich aufdrängt, entstand dann das wunderschöne Wort Ostalgie.

Nostalgiker, das sind Menschen, die den guten alten Zeiten hinterher träumen und Sprüche verkünden wie „Früher kostete eine Fahrt mit der Straßenbahn nur fünf Pfennig und es gab sogar noch einen Schaffner.“

Und Ostalgiker? Polarisierend könnte man sagen: Das sind Menschen, welche die DDR - genau wie Nostalgiker die Vergangenheit - oftmals in schönerem Licht darstellen, als sie eigentlich war: „Ach, was war das nicht herrlich. Damals, die ganzen Trabbis und diese schönen, verschnörkelten Ampelmännchen – Viel schöner als die eckigen im langweiligen Westen!“

Interessant ist, dass nicht nur alte DDR-Bürger solche Empfindungen hegen, sondern auch junge Leute aus dem Westen, die beim Fall der Mauer - wenn überhaupt - gerade mal in der Babywiege lagen. In den so genannten neuen Bundesländern und vor allem in Berlin gibt es zahlreiche Geschäfte, die der DDR-Produktion nachgestellte Dinge verkaufen. Man kann dort sogar T-Shirts mit DDR-Emblem samt Hammer und Sichel erwerben.

Aber warum kaufen die Leute so etwas? Warum göttern Menschen Autos der Marke „Trabant“ an, die Jahrzehnte lang auf dem gleichen, völlig veralteten Niveau hergestellt wurden? Haben sie etwa schon vergessen, dass in der ach so schönen DDR Menschen verfolgt wurden, weil sie eine andere Meinung hatten? Und das die Bürger keinerlei Reisefreiheit hatten? Dass die DDR eine Diktatur war? Offensichtlich leider nicht.

wort der woche - ostalgie | foto: wassily nemitzAber – in gewisser Weise kann man schon nachvollziehen, warum sich Menschen für so etwas begeistern können. Ich bin letztens mit dem Zug nach Magdeburg gefahren und musste in Stendal, etwa 100 Kilometer von Berlin, umsteigen. Als mein Intercity in den Bahnhof einfuhr, kam ich mir vor wie in einem früheren Jahrzehnt. Der Bahnhof war vollständig in seiner Gründerzeit-Gestaltung erhalten geblieben, das ganze, leicht heruntergekommene Ambiente löste unfreiwillig eine gewisse Faszination in mir aus. Und auch die Fahrt im alten Ost-Zug durch die Sachsen-anhaltinische Provinz samt verfallener Bahnanlagen hatte etwas Interessantes, ja Faszinierendes an sich. Im Westen wäre ein solcher Bahnhof wie in Stendal wahrscheinlich längst abgerissen und in den 50ern durch einen - aus heutiger Sicht - hässlichen Neubau ersetzt worden. Doch das relativiert in keiner Weise den Unrechtsstaat DDR!

Die Ostalgie. Wie lange es sie wohl noch geben wird? Dieses Lebensgefühl DDR, wie lange gibt es das noch? Und ist es gut, wenn es verloren geht? Alles Fragen, die sich von niemanden eindeutig werden beantworten lassen können. Wenn, dann vielleicht von „unserer Lena“ – der kann im Moment wohl alles zugetraut werden. Ein Wort der Woche zwei Tage nach dem Songcontest – ganz ohne Lena Meyer-Landrut geht es wohl doch nicht.

Die anderen Sprachen sagen:

Englisch: eastalgia

Russisch: ностальгия (Nostalgie)

Französisch: nostalgie de la RDA

Das Lexikon sagt:

Os|tal|gie, die; - [geb. aus Ost(deutschland) u. Nostalgie]: Sehnsucht nach [bestimmten Lebensformen] der DDR.

Quelle: DUDEN - Deutsches Universalwörtebuch, 4. Neu bearbeitete und erweiterte Auflage Dudenverlag Mannheim – Leipzig – Wien - Zürich