pesch -  tagebau | foto ausschnitt: wassily nemitzHier fährt kein Bus mehr ab. Das zuletzt noch verbliebene Anruf-Sammeltaxi fuhr das letzte Mal 2009, seitdem steht nur noch der Haltestellenmast schief und schon halb zugewachsen in der Gegend. Auf der anderen Straßenseite ein Bauernhaus, die Fenster zugenagelt, die Farbe am Eingangstor blättert langsam herab.

Fast schon automatisch drücken wir die Klinke, kaum erwartend, dass die Tür aufspringt. Doch sie gibt nach. Dahinter erstreckt sich ein kleiner Innenhof, links vegetiert eine alte, vergessene Mülltonne vor sich hin. Langsam holt sich die Natur den Hof zurück; das Gras wuchert schon zwischen den Bodenplatten hervor. Die Scheiben der um den Hof gruppierten Häuser sind eingeschlagen.

Wir tasten uns vor, im hinteren Teil des Hofs ein alter Heuboden, leergeräumt. Das Dach ist völlig undicht, durch die Löcher lässt sich der heute komplett blaue Himmel erkennen. Daneben ein alter Kuhstall, die Boxen und Tränken sind noch da, auch der Geruch lässt auf die frühere Nutzung schließen. „Verbrecher“ steht auf einer Wand.

pesch - verbrecher | foto: wassily nemitz

Im früheren Wohnhaus eine zur Hälfte eingerichtete Küche, eine braun-beige Toilette und jede Menge Müll. Die Außentür mit der abgeblätterten Farbe fällt mit einem lauten Knall zu. Spätestens jetzt ist uns das Haus unheimlich, wir gehen wieder raus auf die sonnenüberflutete Straße. Beim Nachbarhaus sind Fenster und Türen zugenagelt, ebenso am Nachbarhaus des Nachbarhauses und am Nachbarhaus vom Nachbarhaus des Nachbarhauses.

Der Grund für all das heißt Garzweiler II. Die Straße, die vor den Häusern entlangläuft, geht geradewegs darauf zu: Gefräßig fressen sich bis zu 220 Meter lange Abraumbagger in die Erde, in die Braunkohle. Immer näher an Pesch heran – den Ort, in dem wir uns befinden. Danach wird es Immerath treffen, dann Borschemich, dann Lützerath und noch sechs andere Ortschaften.

Garzweiler II ist Teil des rheinischen Braunkohlereviers, dem größten Braunkohleabbaugebiet Europas, nordwestlich von Köln, zwischen Erkelenz, Jüchen und Bedburg. Das Gebiet wurde 2006 angebaggert und folgt dem ursprünglichen Tagebau Garzweiler I, der nach einem früher dort liegenden Dorf benannt wurde. Aus dem 4800 Hektar großen Garzweiler II möchte das Unternehmen RWE Power, die frühere Rheinbraun, bis 2045 rund 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle fördern und anschließend weitestgehend in den Kraftwerken der Umgebung, darunter Niederaußem, verfeuern.

pesch - tagebau | foto: wassily nemitz

Hier in Pesch haben noch vor wenigen Jahren mehr als 250 Menschen gelebt. Jetzt sind es noch 29. Zwischendrin lässt sich nur selten mal ein belebtes Haus erkennen. Dort leben die wenigen Eisernen, die sich entweder von den Abfindungen der RWE Power noch nicht haben beeindrucken lassen oder schlichtweg noch kein neues Zuhause gefunden haben, deren Familien teilweise seit Jahrzehnten hier lebten. Doch auch sie werden irgendwann nachgeben, denn unter all den Geisterhäusern kann niemand glücklich werden.

Die Bewohner von Otzenrath, dem Ort, den es zuvor getroffen hat, wohnen mittlerweile in Neu-Otzenrath, ein paar Kilometer entfernt. Alt-Otzenrath liegt jetzt irgendwo inmitten eines Riesenlochs. Inmitten des Riesenlochs Garzweiler II.Und bald wird auch die Stelle, an der Pesch jetzt liegt, aussehen wie jede andere in dem riesigen Tagebau.

2006 begann die Umsiedlung, langsam leerte es sich in Pesch, immer mehr Häuser wurden verlassen, die Fenster und Türen vernagelt. An einem Haus prangt ein Banner: „Hier wohnen noch Leute. Hier gibt es nichts umsonst“. Im Haus gegenüber ist die Tür eingetreten und liegt auf dem Fußboden. Hier dachte wohl jemand, es gebe etwas umsonst. Drinnen eine grün-weiß gestreifte Tapete, „Fuck RWE“ hat jemand hin gekritzelt.

Früher fühlte man sich sicher hier in Pesch, Otzenrath und anderswo, denn der Tagebau war immer auf der anderen Seite der Autobahn. Dass man für den Tagebau, für das Streben nach dem unbedingten Ausbeuten des Braunkohlereviers eine ganze Autobahn verlegen würde, hielt man für unmöglich. Seitdem läuft der Verkehr auf der A 44 woanders lang, das stillgelegte Teilstück wurde samt Anschlussstelle Otzenrath fast vollständig abgerissen. Vorhin haben wir ein altes Stück A 44 gesehen, verlassen, seltsam anmutend und im Nichts endend.

pesch - geisterdorf | foto: wassily nemitz

Und die Bagger rollen weiter, jetzt schrillen die Alarmglocken auch in Pesch. Das frühere Straßendorf ist keins mehr, denn die Straße führt nur noch in eine Richtung. Wir fahren die alte Dorfstraße entlang, kaum noch benutzt und verlassen Pesch. Dort, wo früher das Ortsschild angebracht war, steht nur noch ein hohler Rahmen.

Offiziell gibt es Pesch also schon nicht mehr. Und bald wird es nicht nur das Ortsschild nicht mehr geben, bald wird dem kleinen Dorf endgültig das Leben ausgehaucht werden. Denn die Bagger rollen weiter. Und weiter. Und weiter.